Elektromobilität: Unter Spannung arbeiten
Nicht ohne Spannungsschutzhandschuhe: Für Arbeiten an batteriegetriebenen Fahrzeugen sind die Anforderungen an PSA und Werkzeug besonders hoch.
©Foto: AdobeStock/Alexey AchepovskyKfz-Werkstätten, die an E- oder sogenannten HV-(Hochvolt-)Fahrzeugen arbeiten möchten, benötigen unterschiedliche Handwerkzeuge, die höchste Qualitätsanforderungen erfüllen müssen. „Insbesondere die Arbeitssicherheit steht hier im Vordergrund“, sagt Werner Köstle, Spezialist für die Technik von Elektrofahrzeugen bei der Firma Touremo, einer Agentur für Elektromobilität und Tourismus in München. „So müssen Handwerkzeuge, mit denen an spannungsführenden Teilen von E-Fahrzeugen gearbeitet wird, immer die DIN EN IEC 60900 beziehungsweise VDE 0682-201 (Arbeiten unter Spannung) erfüllen.“
Sie sind zum Gebrauch bis 1000 Volt Wechsel- und 1500 Volt Gleichstrom vorgesehen und decken hiermit die gesamte Spannungs-Bandbreite moderner E- und Hybridfahrzeuge ab.
„Doch Vorsicht, wenn solche Werkzeuge bei unbekannten Anbietern im Internet bestellt werden“, warnt Köstle, „denn hier liest man oft Bezeichnungen wie zum Beispiel ‚Elektrikerschraubenzieher‘, ‚1000 Volt‘, oder ‚isolierte Klinge‘. Solche oder ähnliche Bezeichnungen sagen nichts über die Isolationsqualität des Handwerkzeuges aus, denn es handelt sich hierbei um keine Prüfsiegel. Auch sind solche ‚Benennungen‘ leider schlichtweg falsch und nicht zulässig.“ In der Regel handelt es sich bei den „Isolationen“ dieser Fake-Werkzeuge nur um billige Plastikummantelungen, nicht aber um elektrisch isoliertes Werkzeug nach den Vorgaben der neuesten Ausgabe der DIN EN IEC 60900.
„Von Hochspannung wird übrigens bereits gesprochen, wenn der Effektivwert der Betriebsspannung bei Gleichspannung über 60 Volt, bei Wechselspannung über 30 Volt liegt“, erklärt Köstle. „HV-Systeme von Hybridfahrzeugen führen heute nicht selten Spannungen von bis zu 650 Volt DC (Gleichspannung). Wer hier mit nicht isoliertem Werkzeug oder „Fake-Werkzeug“ arbeitet, begibt sich schnell in Lebensgefahr, Herz, Hirn und sämtliche Organe können schwer geschädigt werden.“
Wegen dieser Gefahr schreibt der Gesetzgeber für Personen, die an Hochvoltanlagen von Hybrid- und Elektrofahrzeugen arbeiten, besondere Qualifikationen vor. So ist neben der Ausbildung als Kfz-Mechaniker beziehungsweise -Mechatroniker eine Schulung mit Sachkundenachweis über die Besonderheiten und Gefährdungen an Kraftfahrzeugen mit HV-Systemen erforderlich. Die Inhaber der Kfz-Betriebe tragen zudem für die richtige Ausrüstung (unter anderem Hand- und Prüfwerkzeuge und PSA) und den Schutz ihrer Mitarbeiter die Verantwortung.
„Wer in puncto Handwerkzeuge auf Nummer sicher gehen möchte, sollte nur bei den renommierten Handwerkzeugherstellern sogenannte VDE-Handwerkzeuge kaufen“, empfiehlt Köstle. „Es gibt sie dort sowohl einzeln als auch in Sets.“ Dies bietet die Möglichkeit, bereits bestehende E-Handwerkzeug-Ausrüstungen zu ergänzen oder einen E-Fahrzeug-Arbeitsplatz mit Handwerkzeug-Sets vollständig auszurüsten.
Eines der wichtigsten Werkzeugsets zur Wartung von Hybrid- und Elektrofahrzeugen bietet die Albert Berner Deutschland in Künzelsau an (shop.berner.eu). Dabei handelt es sich um das sogenannte Basis-Hybrid-/Elektro-Kit. Das Arbeitssicherheitsset hat eine komplette Ausrüstung für Fachkräfte mit der Zusatzqualifikation „Arbeiten am HV-System“ bis Stufe 2 zum Inhalt. Neben einem Gesichtsschutz, Latex-Arbeitshandschuhe (1000 Volt) sind auch ein Multimeter (Gleich- und Wechselspannungen von sechs bis 1000 Volt) und Isolierband im Systemkoffer (Bera Clic+). Das Basiskit wird benötigt, um das HV-System des Kfz unbeschadet spannungsfrei zu schalten und gegen das Wiedereinschalten zu sichern. Auch kann damit die Spannungsfreiheit gefahrlos festgestellt werden. Daneben bietet Berner seinen Kunden für Hybrid- und Elektrofahrzeuge einen umfangreichen Satz mit speziell isolierten Werkzeugen an. Der Aluminiumkoffer, ursprünglich für Elektriker konzipiert, ist mit allem ausgestattet, was Kfz-Profis für den klassischen Arbeitseinsatz in der Werkstatt brauchen – vom Schraubendreher über die Kombi- und Wasserpumpenzange bis hin zu Kabelschere, Absetzmesser oder Kraft-Seitenschneider. Sämtliche Tools verfügen über eine schützende Isolierung nach IEC 60900 und sind abgeschirmt bis 1000 Volt.
Auch der Remscheider Handwerkzeug-Spezialist Gedore (de.gedore.com) hat ein VDE-Werkzeug-Set für Hybrid- und Elektrofahrzeuge im Portfolio. Das 53-teilige Werkzeugsortiment kann für alle Fahrzeugmarken verwendet werden und ist für den mobilen Einsatz ausgelegt.
Der Werkzeugsatz umfasst unter anderem Zangen, Kabelschneider, Schraubendreher sowie 3/8“-Einsätze, Verlängerungen und eine Knarre. Sämtliche Werkzeuge sind bis 1000 Volt schutzisoliert und erfüllen die Vorgaben der Norm DIN EN IES 60900 für sicheres Arbeiten unter elektrischer Spannung – damit eignen sie sich perfekt für Reparatur- und Wartungsarbeiten an Hybrid- und Elektrofahrzeugen. Die Gedore L-BOXX ist kompatibel mit der Sortimo-Fahrzeugeinrichtung. So lässt sie sich auch als mobile Service-Lösung, zum Beispiel bei Abschleppunternehmen, einsetzen.
Bei Hazet (www.hazet.de) setzt man sich gerade mit der Thematik der VDE-Werkzeuge auseinander. „Wir sind gerade dabei, diese Produktgruppe weiter zu optimieren und auszubauen“, so die Unternehmenssprecherin von Hazet Serafina Martire. „Es ist daher noch zu früh, Genaueres zu kommunizieren.“
Bei Stahlwille (www.stahlwille.de) in Wuppertal sind neben einem 48-teiligen VDE-Werkzeugset im praktischen Koffer auch gewöhnliche Handwerkzeuge als VDE-Werkzeuge einzeln erhältlich. Interessant ist hier vor allem der VDE-Drehmomentschlüssel 730R/5 VDE MANOSKOP mit QuickRelease-Einsteckknarre nach DIN-EN 60900.
Das Werkzeug ist vollständig isoliert und ermöglicht es so, empfindliche Schrauben und Muttern an elektrischen Komponenten mit dem entsprechenden Drehmoment anziehen zu können. Daneben bietet Stahlwille auch eine 3/8"-VDE-QuickRelease-Feinzahnknarre an. Die doppelt isolierte Knarre ist für Arbeiten auf engstem Raum mit einem Arbeitswinkel von nur 4,5 Grad konzipiert. So lassen sich auch schwer zugängliche Schrauben und Muttern, selbst wenn sie unter Spannung stehen, leicht öffnen und schließen.
Ein umfassendes VDE-Handwerkzeugprogramm bietet auch der Werkzeugspezialist Wera (www.wera.de). Mit mehr als 230 Artikeln bieten die Wuppertaler so ziemlich alles, um gefahrlos bis 1000 Volt an E- und Hybridautos oder auch E-Bikes arbeiten zu können. Besonders beliebt bei Kfz-Werkstätten sind, wie Dirk Schardt, Produktmanager bei Wera, weiß, Schraubendreher der Extra-slim-Serie und der VDE-Knarrensatz zyklop. Die kompakten isolierten Werkzeuge sind für Arbeiten in engen Bauräumen besonders geeignet.
Der Werkstattausrüster Würth aus Künzelsau-Gaisbach (www.wuerth.de) hat auch auf die Zunahme von E- und Hybridfahrzeugen in den Werkstätten reagiert und einen 32-teiligen VDE-Werkzeugkoffer im Portfolio. Der Koffer enthält die wichtigsten VDE-Werkzeuge und Zubehörteile für Arbeiten an Elektro- und Hybridfahrzeugen. Die Schraubendreher, Flachrundzangen, Ringschlüssel, Umschaltknarren, Steckschlüssel und -nüsse sind übersichtlich in einem Sysko-Systemkoffer zusammen mit der wichtigsten PSA (Latex-Handschuhe und Schutzbrille) untergebracht. Nach Angaben von Würth ist das Werkzeugset geeignet für Fahrzeuge aller Hersteller.
Noch immer fahren auf bundesdeutschen Straßen vergleichsweise wenige E-Fahrzeuge. Dies könnte sich jedoch mittelfristig ändern, wenn die Fahrzeughersteller tatsächlich mehr E-Modelle auf den Markt bringen. Schon jetzt sind E-Fahrzeuge nicht mehr aus den Werkstätten wegzudenken. Viele Markenwerkstätten haben daher bereits E-Fahrzeug-Arbeitsplätze eingerichtet. Und auch die überwiegende Anzahl der freien Kfz-Betriebe hatte bereits mindestens einmal ein E-Fahrzeug in ihrer Werkstatt zum Service oder zur Reparatur. Das ergab eine Umfrage der Initiative „Qualität ist Mehrwert“ vom März 2019 unter dem Titel „Elektromobilität – Chance oder Risiko?“, an der knapp 700 freie Werkstätten teilnahmen. Die Umfrage zeigt deutlich, dass die Branche sich mit der Elektromobilität auseinandersetzen muss − und wenn das heißt, sich schon mal passendes Werkzeug zu beschaffen. Nicht zu vergessen: ein Schutzhelm mit Visier und Lichtbogenschutz, langärmlige Kleidung, Sicherheitsschuhe sowie elektrisch isolierte Handschuhe der Klasse 0.
Dr. Marcel Schoch
Fachjournalist, Schwerpunkt Technik, München
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