IBC und Tanks: Datenfluss in Echtzeit
Rund 200 Tonnen Chemikalien werden bei Häffner im Schnitt pro Tag umgeschlagen.
©Foto: Häffner GmbH & Co. KGBeim Chemikalienhändler Häffner hat man reichlich Erfahrung mit der Beförderung gefährlicher Güter. Schließlich beschäftigt sich das Unternehmen mit Stammsitz in Asperg bei Stuttgart schon seit über 120 Jahren mit der Distribution von Säuren und Laugen, Lösemitteln und Spezialitätenchemie. „Bei uns ist in 99 Prozent der Fälle die Tafel offen“, fasst Arne Bader, Chief Digital Officer der Firma, die Situation in einem Satz zusammen.
Häffner beliefert seine Kunden im Umkreis von 250 Kilometern um Asperg mit 20 eigenen Fahrzeugen, darunter 15 Stückgut-Lkw. Alle weiteren Chemietransporte nach Nord- und Süddeutschland werden mit zwei großen Stückgutspediteuren sowie auf dem Spotmarkt abgewickelt. „Wir haben hier an einem durchschnittlichen Tag etwas über 200 Tonnen Umschlag“, sagt Bader.
Als Fachmann für Digitalisierung weiß er, dass man seinen Kunden heute mehr bieten muss als die bloße Versorgung mit Ware. Sie wollen wissen, wann eine Lieferung eintreffen wird, wie viel die Gebinde enthalten, ob möglicherweise ein Schaden entstanden ist, wo sich die Ware gerade befindet und in welchem Zustand sie ist. Letzteres ist vor allem bei temperaturempfindlichen Gütern ein entscheidendes Kriterium. Und natürlich will der Kunde nicht erst nachfragen müssen, er möchte vorab über die Lage informiert werden.
Um diese Anforderungen zu erfüllen, Probleme rechtzeitig zu erkennen und sie „proaktiv angehen zu können“, so Bader, benötigt man ein Überwachungstool. Deshalb nutzt Häffner die „Smart Cap“ des Dresdner IT-Unternehmens Packwise zur Umsetzung der 2022 eingeführten Häffner Smart Chemicals-Modelle. Services, die den Kunden unter anderem eine nachhaltige Lösung zum Einstieg in die digitale Chemiedistribution bieten sollen.
Kappe für den IBC
Die Packwise Smart Cap ist eine kleine Vorrichtung, die auf IBC und Tanks montiert werden kann. Sie ermittelt Daten über Standort, Füllstand, Bewegung und Temperatur und bildet sie auf der Internetplattform „Packwise Flow“ ab. Ein Bewegungssensor steuert die Sendeintervalle, weitere erfassen den Füllstand und die Umgebungstemperatur. Ein Beschleunigungssensor gibt Aufschluss über Erschütterungen oder Schieflagen des IBC beim Transport.
Die ermittelten Daten landen auf der Plattform Packwise Flow, wo sie analysiert und über die Web-Anwendung tabellarisch, grafisch und auf einer Karte dargestellt werden können. Die Anwendung informiert die Kunden auch per Push-Nachricht über Abweichungen von Parametern sowie Veränderungen der IBC-Eigenschaften. Die dazu nötigen Werte hinterlegt der Nutzer in den Stammdaten auf der Plattform. Im Jahr 2021 hatte Packwise für diese Lösung den Innovationspreis GEFAHR/GUT erhalten.
Das Unternehmen Häffner verwendet die Smart Cap derzeit vor allem auf Kunststoff-IBC mit den Volumina 300, 600, 800 und 1000 Liter. Die Zahl der eingesetzten Geräte verortet Arne Bader im dreistelligen Bereich, weitere Projekte für das laufende Jahr seien in Planung.
Die IBC sind Eigentum der Firma Häffner, die Kunden bezahlen eine Pfandgebühr. Wird die für die Nutzung vereinbarte Zeitdauer überschritten, fallen Abschläge auf diese Gebühr an. Damit werde nach den Worten des Digitalisierungsfachmanns aus einem bloßen Überwachungsgerät Schritt für Schritt ein Finanztool. Denn über die Daten der Smart Cap lassen sich die Standorte der Container jederzeit feststellen. Dies gilt auch auf dem Gelände des Nutzers, der entleerte Gebinde eventuell auf dem eigenen Hof oder bei der Rückführung via Spedition übersehen hat. „Für ihn ist das ja nur Leergut“, sagt Bader, dies habe also nicht unbedingt die höchste Priorität bei der Beförderung. Und er ergänzt: „Lege ich einen Spediteur als Standort auf der Karte an, kann ich dem System vorgeben, dass es meine Dispo benachrichtigt, wenn dort Container leer eingehen.“ Nicht zuletzt sei die Ortungsmöglichkeit in Zeiten von Packmittelknappheit besonders hilfreich, um scheinbar nicht verfügbare Behälter schnell wieder dem Kreislauf zuzuführen. Selbst die Minimierung erforderlicher Lagerflächen kann das Tool so unterstützen.
„Wir haben auch unsere eigenen stationären Kunststoff-Lagertanks im Säuren- und Laugen-Bereich mit Smart Caps ausgestattet“, führt CDO Bader weiter aus. Zur Überwachung von Füllständen, um etwa Bestellprozesse automatisiert auszulösen, sei deren Genauigkeit nach seiner Auffassung vollkommen ausreichend. Bei einigen Kunden habe man aus diesem Grund ebenfalls Smart Caps auf den Tanks installiert.
Auf dem IBC befestigt, liefern die Sensoren der Smart Cap Daten über Standort, Füllstand, Bewegung und Temperatur des Gebindes.
©Foto: Häffner GmbH & Co. KGModell „Häffner Smart Chemicals“
Auf Basis der Daten, die die Geräte zur Verfügung stellen, hat Häffner drei Geschäftsmodelle unter dem Oberbegriff „Häffner Smart Chemicals“ entwickelt. Den Einstieg bildet das Modell „Track and Return“. Der Kunde erfährt hierbei nicht nur, wo sich seine Gebinde befinden, sondern es werden nach individueller Abstimmung Werte wie Temperatur und Standort erfasst und an den Kunden weitergegeben. In diesem Zuge können zudem die Leergutretouren überwacht und organisiert werden.
Der nächste Schritt ist das „ChemAbo“. Damit setzt Häffner das VMI-Konzept um (Vendor Managed Inventory, lieferantengesteuerter Bestand), bei dem Mengenschwellen in den Behältern als automatische Meldebestände für die Produktion des Kunden definiert werden. „Wir sorgen dafür, dass beim Kunden zur richtigen Zeit immer der richtige Bestand der überwachten Produkte vorliegt“, erläutert Arne Bader und ergänzt: „Der Kunde hat somit den Prozesskostenvorteil, die volle Transparenz und den Vorteil der Exklusivbeschaffung mit Liefergarantie.“ Kein Mitarbeiter müsse mehr die Füllmengen kontrollieren und manuell Bestellungen auslösen, der Lieferant kümmere sich automatisch um Nachlieferungen.
Das dritte, derzeit in Vorbereitung befindliche Service-Modell soll unter dem Begriff „Chemical Leasing“ laufen. Dann wird es nicht nur um Füllstandskontrolle und Versorgung mit einzelnen Stoffen gehen, der Kunde „abonniert“ vielmehr sämtliche Rohprodukte, die er für die Herstellung seiner Waren benötigt. Die Versorgung wird komplett an den Lieferanten ausgelagert, und der Produzent muss die Stoffe erst bezahlen, wenn das Produkt fertiggestellt ist. „So entsteht aus der kleinen Idee der Gebindeüberwachung ein ganzer Kosmos an Serviceideen“, resümiert Bader.
Daten für die Zukunft
An Ideen für die Zukunft mangelt es dem CDO von Häffner nicht. So hält er etwa weitere Zustandsdaten für hilfreich bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. „Es geht immer darum, Mehrwerte zu schaffen, auch als Voraussetzung für Folgeprojekte“, sagt er. Wie oft hat sich der Container an welchem Standort befunden? Wie oft war der Container in welcher Zeit in welchem Status? Wie lange dauert es, bis die IBC leer sind? Wie hoch ist die Umschlaghäufigkeit? „Die Kollegen von Packwise arbeiten daran, dass man das über ein Dashboard sehen kann“, weiß Bader. Und: „Dann kann ich noch mehr in Richtung ‚Smart Factory‘ gehen.“
Einen Mehrwert sieht er nicht zuletzt bei der Vermeidung von Unfällen durch den ungewollten Austritt gefährlicher Güter. Meldet die Smart Cap auf einem IBC während des Transports eine Abnahme des Füllstands, wäre dies ein klares Zeichen für ein Leck. Man könnte die Einsatzkräfte dann schon im Voraus über den Ort des Vorfalls und Art und Menge des ausgetretenen Stoffes informieren. Möglicherweise noch bevor die Mitarbeiter vor Ort es bemerkt haben.
Rudolf Gebhardt
Digitalisierung auch bei Tankcontainern
Die auf flüssige Massenguttransporte spezialisierte Spedition Rinnen hat mit Packwise ein Pilotprojekt gestartet. Das von Packwise entwickelte System Smart Cap wird nun auch bei Tankcontainer-Transporten eingesetzt. Ziel ist es, die daraus gewonnenen Daten beispielsweise über Geo-Position, Füllstand oder Produkttemperatur in Echtzeit mit allen am Transport beteiligten Partnern zu teilen. Insbesondere die chemische Industrie fordere diese Informationen immer mehr ein, so die Mitteilung von Rinnen. In Packwise sieht die Spedition nach eigener Aussage flottenübergreifend den richtigen Partner, um diese Anforderungen erfolgreich umzusetzen.
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