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Schwerpunkt des Monats Oktober 2020

Brandschutz

01.10.2020 Fachbeitrag

Schutzmaßnahmen: Trainieren für den Notfall

Beim Umschlag von Gefahrgütern kommt es oft zu Unfällen, die sich vermeiden lassen, wenn das zuständige Personal entsprechend geschult ist. Ein Blick in die tägliche Praxis.
Stapler Unfall IBC Fass Übung 1200

Haben Sie das schon mal gemacht? Sollten Sie unbedingt – natürlich nur im Rahmen einer Übung.

©Foto: Ralf Mayer

Allein das Wort „Gefahrgutunfall“ löst bei vielen Beteiligten häufig negative Reaktionen aus. Sei es bei den direkt handelnden Personen im Rahmen des Umschlags von Waren beziehungsweise Gefahrgütern, sei es bei den Firmen und Speditionen oder gar bei den Rettungskräften wie Polizei, DRK und Feuerwehr.

Unsicherheit, Angst, fehlende Rechtssicherheit oder anstehende Konsequenzen sind Faktoren, die bei jedem Gefahrgutunfall eine wichtige Rolle spielen. Doch warum ist es so, wo liegen die Hintergründe und Ursachen?

Im ADR sind die Themen Sicherheit beziehungsweise Security ausführlich verankert. Denken wir an die Kapitel 1.3 (Unterweisungspflicht/Mitarbeiterschulung), 1.4 (Sicherheitspflichten der Beteiligten), 1.8 (Meldungen von Ereignissen mit gefährlichen Gütern) oder 1.10 (Vorschriften für die Sicherung). Weiterhin sind die Pflichten der jeweiligen Beteiligten national in der GGVSEB eindeutig geregelt. Durch Anwendung und Beachtung dieser Regelungen sollten doch die Beteiligten vorbereitet und rechtssicher handeln können.

Weitere hilfreiche Unterstützungen werden in den verschiedenen Datenbanken angeboten. Beispielhaft seien hier die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), die Emergency Response Intervention Cards (Ericards) der Chemieindustrie, das Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) oder die Stoffdatenbank des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung genannt.

Schulung der handelnden Personen

Die Praxis zeigt jedoch ein ganz anderes Bild. Um die Ursache der Gefahrgutunfälle klären zu können, müssen wir an den Anfang der Arbeitsabläufe gehen. Die dort handelnden Personen sind oft Lagerarbeiter, Lagerhelfer, Staplerfahrer und Lagerlogistiker. Grundsätzlich müssen diese Personen nach den Vorschriften des ADR vor Beginn ihrer Tätigkeit ausreichend unterrichtet beziehungsweise geschult sein.

Kapitel 1.3 des ADR regelt unmissverständlich, dass diese Schulung eine Unterweisung in Bezug auf das allgemeine Sicherheitsbewusstsein, eine aufgabenbezogene Unterweisung sowie eine Sicherheitsunterweisung beinhalten muss. Diese Schulungen müssen zum Beispiel in der Personalakte dokumentiert werden und können daher jederzeit nachvollzogen werden.

Doch darin liegt das Problem. Erfahrungswerte zeigen, dass in der Praxis weniger als 50 Prozent dieser Personen geschult sind beziehungsweise dass die Schulung von entsprechender Dauer und mit entsprechenden Inhalten gefüllt ist.

Ein weiteres Problem liegt in den sprachlichen Barrieren. Immer mehr Lagermitarbeiter sprechen schlecht Deutsch oder verstehen die Sprache nicht gut. Zeigt man ihnen bei der Untersuchung von Gefahrgutunfällen einfache Symbole (Gefahrzettel wie LQ), sind sie oft überfordert und können die Gefährlichkeit der Stoffe nicht zuordnen. Dementsprechend wird auslaufendes Gefahrgut (häufig Klasse 3) mit Bindemittel abgestreut, aufgenommen und entsorgt.

„Es ging ja gut, es lag kein Personenschaden vor und die Vorgesetzten haben es auch nicht bemerkt“, lauten Aussagen dazu, die bedenklich sind.

Ein weiteres Problem liegt in der Ausstattung der Umschlagplätze mit entsprechendem Sicherheitsequipment. Neben den persönlichen Schutzausrüstungen wie Brille, Handschuhe, Stiefel, Schutzanzug oder gar Notfallfluchtmaske für die jeweiligen Personen gehören unter anderem auch ein Bergefass, eine Auffangwanne, Streu- oder Bindemittel, eine Fasskralle sowie weitere verschiedene Hilfsmittel zur grundsätzlichen Ausstattung eines Lagers.

Dieses Equipment sollte frei zugänglich, gut erkennbar und separiert sein. Häufig stellt man aber bei Kontrollen fest, dass alles kreuz und quer verteilt steht, dass auf Auffangwannen verschiedenste Gegenstände gelagert sind oder gar dass persönliche Schutzausrüstungen personell zugeteilt und verschlossen in Schränken untergebracht sind.

Fass Fasskralle Auffangwanne Stapler Unfall Übung 1200

Einsatz einer Fasskralle und einer Auffangwanne.

©Foto: Ralf Mayer

Theorie und Praxis

Spannend in diesem Zusammenhang ist auch der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. In der Theorie kennt jeder Mitarbeiter seine Schutzausrüstung. Er hat mal mehr oder weniger schnellen Zugriff darauf und weiß, dass es im Notfall lebenswichtig sein kann, die Schutzausrüstung anzulegen.

Gibt man in der Praxis jedoch den Mitarbeitern die Aufgabe, die persönliche Schutzausrüstung anzulegen und nimmt eine Stoppuhr dazu, kommt das große Erwachen und es verstreichen wertvolle Minuten. Einfache Dinge wie das Aufschrauben des Filters auf die Notfallfluchtmaske, das Anziehen des Schutzanzuges oder der Stiefel werden zum Problem. Es wurde noch nie trainiert beziehungsweise die Einheitsgrößen passen doch nicht überall. Im Gefahrfall entscheiden oft Sekunden über das Ausmaß des Unglücks.

Die nachfolgende Schilderung eines Gefahrgutunfalls gibt uns Einblicke in Ursache, Ausmaß und Konsequenzen. Stichwortartig hier der Ablauf:

  • Ein Auflieger steht an der Laderampe und soll bei einer Spedition beladen werden. Die bereits im Auflieger befindliche Ladung besteht aus verschiedenen Stückgütern und zwei IBC, gefüllt mit Gefahrgut der Klasse 8.
  • Ein Staplerfahrer soll eine Palette mit Sackware zur weiteren Beladung des Aufliegers in diesen verbringen.
  • Während des Beladevorganges kann der Staplerfahrer die Spitzen der Gabelzinken nicht sehen, er „titscht“ einen IBC an und sticht ein.
  • Er erschrickt, fährt sofort zurück und Gefahrgut läuft aus.
Unfall IBC Stapler Übung 1200

Nachgestellte Szene: Staplerfahrer sticht IBC an, beim Rückwärtsfahren läuft die Flüssigkeit aus.

©Foto: Ralf Mayer

Kann man bei der Untersuchung eines Gefahrgutunfalls Aussagen glauben, dass mit einem bloßen „Antitschen“ ein Kombinations-IBC angestochen wurde? Viele Mitarbeiter, Beteiligte oder gar Vorgesetzte scheinen dieser Meinung zu sein und akzeptieren die Beschreibung als Ursache.

Untersuchungen zeigen jedoch klar, dass zum Anstechen eines Versandstückes, insbesondere eines IBC, ein sehr hoher Kraftaufwand erforderlich ist und dies nur mit entsprechender „Anlaufgeschwindigkeit“ erreicht werden kann. Leichtes Anfahren und dann Einstechen ist nicht möglich. Somit stellt sich bei der Aufnahme von Gefahrgutunfällen die Frage nach „Fahrlässigkeit, grober Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz.“

In einer Schulung können solche Vorkommnisse beziehungsweise Situationen trainiert werden. Wichtige Punkte beziehungsweise erste Maßnahmen nach einem Gefahrgutunfall können hierbei sein:

  • Ermittlung des Stoffes (Gefahrzettel, Beförderungspapier etc.)
  • Alarmierung (Meldung an Vorgesetzten und von dort an Geschäftsleitung) – von dort Verständigung der Polizei/Rettungskräfte
  • Halle räumen, Absperren im Freien, Motoren abschalten
  • Anlegen Schutzkleidung (Eigensicherung)
  • Verletzte Personen bergen
  • Abschiebern der Kanalisation, alternativ Gullyabdeckung
  • Ölbindemittel streuen
  • Bergungsmaßnahmen einleiten
  • Nicht in ausgelaufene Stoffe treten
  • Einweisungsposten für die Feuerwehr an die Straße positionieren
  • Nicht rauchen! Kein Handy! Nicht mehr Personal als erforderlich!
  • Pressebevollmächtigten bestimmen

Liegt ein solcher „Worst-Case“ vor, läuft die übliche Verständigungskette der Rettungskräfte ab. Feuerwehr, Polizei oder gar DRK mit Notarzt sind verständigt und kommen vor Ort.

Wer in einem Unternehmen ist auf ein solches Szenario tatsächlich vorbereitet? Kann man diese Situation trainieren? Eine Frage, die mich im Laufe von Ermittlungen bei Gefahrgutunfällen oft beschäftigte. Durch den Aufbau eines dafür abgestimmten Schulungsseminares kann dies tatsächlich trainiert werden.

Es gliedert sich idealerweise in drei Themengebiete:

  • Theoretischer Teil mit aufgabenbezogener Unterweisung sowie Sicherheitsunterweisung, Sammeln von bereits vorhandenen Erfahrungswerten (gilt als Schulungsnachweis gem. Kapitel 1.3 ADR)
  • Praktischer Teil mit Kippversuchen von Versandstücken/Umverpackungen, Anstechen von Fässern verschiedenster Art und IBC mit Stapler, realen Sofortmaßnahmen am Übungsort (Verständigungen, Absperrungen, Einsatz von Bergefässern, Benutzung von Auffangwannen, Anlegen der persönlichen Schutzausrüstung.
  • Anschließende Dokumentation des Schulungsablaufs in Form einer Lichtbildmappe beziehungsweise Videodokumentation und Vorlage dieser Dokumentation im Nachgang an die Geschäftsleitung.

Die Ergebnisse und Auswertungen solcher Schulungen zeigen ein überaus positives Bild auf. Ein Satz bringt es auf den Punkt: „Praxis ohne Theorie ist Glück und nur das Geübte bringt Handlungssicherheit.“

Ralf Mayer

Polizeioberkommissar bei der Verkehrspolizei des Polizeipräsidiums Mannheim, Gefahrgut- und Abfallbeauftragter


Schutzausrüstung am Umschlagplatz (Gefahrgutequipment)

  • Bergungsfass
  • Bindemittel
  • Schaufel, Besen
  • Auffangbehältnis
  • Persönliche Schutzausrüstung für mindestens zwei Personen
  • Gummihandschuhe, Schutzbrille, Schutzanzug, Stiefel, Notfallfluchtmaske mit Filter (immer getrennt von Maske, versiegelt und mit Mindesthaltbarkeitsdatum)
  • Erste-Hilfe-Ausrüstung (Notfallkoffer nach DIN 13164)
  • Fasskralle
  • Auffangwanne bis 1000 Liter Fassungsraum
  • Feuerlöscher
  • Absperrband
  • Notfallnummer (deutlich sichtbar angebracht)
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