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Kennzeichnung

04.06.2020 Fachbeitrag

Kennzeichnung: Die Zeit sollte man sich nehmen

Die Qualität von Gefahrgutetiketten spielt bei den Verantwortlichen entlang der Transportkette eine erstaunlich kleine Rolle. Dabei ist sie manchmal entscheidend dafür, ob bei einer Kontrolle genauer hingesehen wird.
Fässer Versandstück Folie Gefahrzettel 1200

Kenntnismangel: Gefahrgutkennzeichung auf der Folie statt auf den Versandstücken.

©Foto: Picture alliance/abaca/Berzane Nasser

„Wir haben keine Zeit, dem Kunden dazu etwas zu erklären“, sagt die Kundenberaterin eines Etikettenherstellers etwas unwirsch am Telefon. Der Kunde müsse selbst wissen, welche Gefahrzettel er benötige.

Beratungsresistenz

Dieser Hersteller bietet seine Produkte auf der Onlineplattform Amazon an. Immerhin wird bei den abgebildeten Rollen auf die Größe 100 x 100 Millimeter hingewiesen sowie auf das verwendete Material aus PE oder „Gefahrzettel aus Papier – permanent haftend – zuverlässiger Halt auf Ihren Versandstücken“.

Andere geben lediglich Hinweise wie „Gefahrzettel (Gefahrguttafel) für verschiedene Klassen Bild-Nr. 124 Größe: 30,0 x 30,0cm“.

„Vorab den Kunden zu beraten, ist enorm wichtig“, betont nicht nur Rainer Huntemann von Ostedruck. Er ist einer der Anbieter, die sich auf den B2B-Bereich und damit unter anderem auf Gefahrzettel und Placards spezialisiert haben. Diese Anbieter suchen das Gespräch mit dem Kunden und fragen explizit nach den Einsatzbereichen für die Kennzeichnungen: Mit welchen Verkehrsträgern sollen die Produkte befördert werden, welche Verpackungen oder Umschließungen kommen zum Einsatz, unter welchen klimatischen Verhältnissen wird aufgeklebt und so weiter.

Jede Antwort hat einen Einfluss auf die Auswahl der Etiketten – reagieren Kleber doch unterschiedlich auf Untergründe und Umgebungstemperaturen, müssen Farben und Form eventuell extreme Beförderungsbedingungen aushalten.

Besonders kompliziert wird es, wenn Gefahrzettel, aufgeklebte Placards oder orangefarbene Tafeln im Anschluss an die jeweilige Beförderung wieder entfernt werden sollen. „Es gibt Kleber, die mit bestimmten Kunststoffen so stark interagieren, dass sie einen festen Verbund entwickeln.

Das richtige Material herausfinden

Dann lassen sich die Kennzeichnungen überhaupt nicht wieder lösen“, berichtet Huntemann. Oder aber es wurden Papieretiketten mit einem starken Kleber verwendet. „Die zersplittern richtig beim Abziehen. Auf den Aufwand hat keiner Lust.“ Ostedruck würde aus diesen Gründen keine Papieretiketten mehr anbieten. Als Klassiker an Reklamationen bezeichnet er den Anruf von Kunden mit dem Ausruf: „Die Etiketten kleben plötzlich nicht mehr!“ Auf die Frage, ob der Kunde in seiner Lieferantenkette etwas verändert habe, komme regelmäßig heraus, dass meist ein anderer Verpackungslieferant im Spiel ist.

Gefahrzettel Schäden 1200

Auf den Bildern sind die Merkmale „gut lesbar“, „unauslöschlich“, bzw. „dauerhaft“ oder „witterungsbeständig“ nicht zu erkennen. So lauten die Vorschriften zu Gefahrzetteln und Gefahrgutkennzeichnungen.

©Foto: Mario Gaede

Kontrollbilanz

„Mangelnde Anhaftungen an Versandstücken“ gehört neben falschen Symbolen und erheblichen Abweichungen von der vorgeschriebenen Größe zu den Beanstandungen, die Uwe Kraft, stellvertretender Hafenkapitän im Bremischen Hafenamt, auf redaktionelle Anfrage hin angibt.

Auch die Hamburger Wasserschutzpolizei achtet beim Kontrollieren der Container sehr genau auf die Qualität der Plakatierung und Kennzeichnung. Die Kollegen stellen dabei sehr wohl Mängel fest.

„Die Qualitätsunterschiede sind zum Teil erheblich. Sie reichen bis hin zu Placards, die fast schon papierartig sind und natürlich sehr schnell Feuchtigkeit aufnehmen“, schreibt Sven Paulsen von der zentralen Gefahrgutüberwachung der Wasserschutzpolizei Hamburg.

Auch sehr häufig seien selbst gedruckte Gefahrzettel. „Diese sind immer auffällig, da Form und Symbolik überhaupt nicht den Vorschriften entsprechen.“

Oft auffallen würden auch Großzettel, die mit Werbeaufschriften versehen sind. Seine Vermutung: „Diese werden entsprechend günstig im Netz angeboten.“

Warntafel Schaden Anhaftung 1200

Mangelnde Anhaftung ist häufig ein Thema für die Wasserschutzpolizei.

©Foto: Mario Gaede

Layoutprobleme bezüglich Farbe und Gestaltung oder Beschädigungen, die meist beim Beladen passieren, bemerkt auch Mario Gaede, der Gefahrgutspezialist bei der Berliner Polizei.

Allerdings, einen Trend zu schlechterer Qualität sieht er nicht. „Bezüglich der Qualität von Gefahrzetteln und Markierungen hatte ich die letzten zwei, drei Jahre wenig bis keine Beanstandungen.“ Dabei betont er, dass es nicht immer möglich ist, sich die Kennzeichnung der Versandstücke anzuschauen. „Häufig kommen wir an die Versandstücke nicht ran, weil die Ladefläche vollständig mit Versandstücken ausgefüllt ist.“

Anders Ralf Mayer von der Mannheimer Polizei. Er differenziert: „Der klassische Streifendienstbeamte wird niemals auf die Idee kommen, sich mit Gefahrgutlabeln auseinanderzusetzen. Er ist froh, wenn er die Bedeutung kennt. Das heißt, dass bei einer Vielzahl von Kontrollen alle erdenklichen Label möglich sind und dementsprechend nicht kontrolliert oder kritisiert werden.“

Werde jedoch eine gefahrgutrechtliche Kontrolle durch entsprechende Beamte (i. d. R. Verkehrspolizei) durchgeführt, sähe das Ganze schon wieder anders aus. Allein aufgrund der Tatsache, dass Großzettel hinsichtlich ihrer Form, Farbe und Witterungsbeständigkeit bußgeldbewährt seien, würden die Label schon genauer kontrolliert und zur Anzeige gebracht. Das könne dann schon mal 200 Euro kosten.

Placard zu klein Radioaktiv Klasse 7 1200

Eine mehr als geringfügige Abweichung: Von den geforderten Mindestmaßen 25 x 25 cm ist dieses Placard weit entfernt.

©Foto: Mario Gaede

Fehlende oder falsche Kennzeichnung ist allerdings ein deutlich schwereres Vergehen. Hier stehen 500 Euro Bußgeld an, und falls noch weitere Mängel der Gefahrenkategorie I bei einer Gefahrgutkontrolle anfallen, eventuell eine Überprüfung der Güterverkehrserlaubnis (siehe dazu auch den Beitrag „Das kann gefährlich werden“).

Doch sind für Kontrollbeamte minderwertige Kennzeichnungen oft Anlass eines Anfangsverdachts für eine insgesamt mangelnde Ladungsfürsorge – und damit ein Grund, genauer hinzuschauen. Paulsen von der Hamburger Wasserschutzpolizei sieht deshalb in der Mehrzahl der Fälle nicht die Materialqualität als Ursache für Auffälligkeiten, sondern den Mangel an Sorgsamkeit beim Anbringen der Kennzeichnung und Plakatierung oder die transportbedingten Beschädigungen. So komme es beim Laden und Löschen der Container an Bord häufig zu Berührungen.

Dabei sehen Etikettenhersteller, zumindest diejenigen, die sich im Klaren darüber sind, dass die Etiketten die unterschiedlichsten Beförderungen möglichst unbeschadet überstehen sollten, auch die Beanstandungen als Anlass, die Etiketten weiterzuentwickeln. „Wir nutzen schon lange Folien, die nach dem Standard BS 5609, Teil II, zertifiziert sind und Seewasser über längere Zeit standhalten können“, berichtet Dirk Stange, dessen Etikettendruckerei seit Jahrzehnten Entwicklungen im Etikettendruck vorantreibt. Inzwischen gäbe es einen Teil III. Hier komme es zusätzlich auf das Herstellungsverfahren, die Herstellungsweise sowie sämtliche verwendeten Hilfsmittel zur Herstellung der Etiketten an.

LQ Gefahrzettel Freistellung zu klein 1200

Kommt häufig vor: ein verkleinertes Kennzeichen auf großer Verpackung. Hier mit Werbeaufdruck.

©Foto: Mario Gaede

Für das Testverfahren würden Musteretiketten und mehrfarbige, speziell bedruckte Folien verwendet und im Labor nach einem definierten Testschema getestet. „Bei den PE und PP/Polyolefin-­Folien ist mit einer Seewasserbeständigkeit nach BS 5609 Teil III nicht so schnell zu rechnen“, wendet er ein. „Phthalatfreie Folien ohne Weichmacher sollten ebenfalls in den Fokus genommen werden. Zwar ist mir bisher noch keine seewasserfeste Qualität bekannt, aber es wäre bei den verarbeiteten Mengen von Selbstklebefolie durchaus ratsam, an der Stelle endlich weiterzudenken.“

Wer nach Anbietern sucht, sollte sie auch fragen, ob sie selbst Verklebe- und Belastungstests durchführen. Die Guten machen das. „Wir wissen sehr genau, was unsere Produkte leisten können und was nicht“, sagt Dirk Stange dazu.

Kundenorientierte Anbieter interessieren sich sogar für die psychische Arbeitsbelastung eines Mitarbeiters, wenn es beispielsweise darum geht, die Verarbeitungsgeschwindigkeit mittels Schlitzungen auf der Rückseite zu erhöhen. „Im Einzelfall sprechen wir diese Verarbeitungsweise mit Kunden individuell ab. Bei Rollenetiketten wie auch im Bereich der Einzelblattware gibt es eine Vielzahl von anwendbaren Möglichkeiten zur Produktoptimierung“, bilanziert Stange.

Gefahrzettel falsch überklebt 1200

Klassiker: Das Kennzeichen sieht schon ziemlich mitgenommen aus und wird dann auch noch überklebt.

©Foto: Mario Gaede

Wachsendes Problem

Doch die Branche klagt: Etikettenanbieter, die sich so umfassend dem Thema der Gefahrgutetiketten widmen, um ihren Kunden dem Auftrag gemäß Ware anzubieten, sehen sich zunehmend einer Klientel ausgesetzt, der das Wissen um die Bedeutung von Gefahrgutkennzeichen abhandenkommt. Da muss in einem Chemieunternehmen schon mal schnell ein Papierausdruck für die Torkontrolle herhalten, oder es bestellt ein großer Spediteur Placards der Gefahrgutklasse 9A.

Auf Gefahrgut- und Gefahrstoffetiketten spezialisierte Hersteller und Händler bieten meist noch weitere Dienstleistungen an, verbunden mit einer fachlichen Beratung für den Anwendungsfall. Eine Marktübersicht in der Rubrik „Arbeitshilfen“ (siehe Kasten rechts) listet Firmen mit Serviceleistungen im Detail auf.

Daniela Schulte-Brader


Falsch gekennzeichnet

Am 20. Mai 2020 kam es laut Meldung von HL-live.de an einem Container zu einer Rauchentwicklung. Der Container sei mit Warnsymbolen gekennzeichnet gewesen. Die Feuerwehr sei mit einem Löschzug und dem Löschzug „Gefahrgut“ angerückt. Die Einsatzkräfte hätten den Container geöffnet und Entwarnung gegeben. Er sei leer gewesen. Ursache des Rauchs war letztendlich trockenes Laub, das unterhalb der Stahlkiste in Brand geraten war. Wie die Feuerwehr herausfand, sollten keine gefährlichen Güter gelagert werden. Ein Institut hatte den Container erworben, aber die Warnsymbole noch nicht entfernt.

Daniela Schulte-Brader


Bußgeldfalle

Verstöße gegen die Kennzeichnungsvorschriften des Gefahrgutrechts sind bußgeldbewehrt gemäß Ordnungswidrigkeitengesetz OwiG.

Mängel an Form, Farbe und Witterungsbeständigkeit fallen in die Gefahrenkategorie III. Sie ziehen ein geringeres Bußgeld als fehlende oder falsche Kennzeichnungen nach sich. Diese fallen unter die Gefahren-kategorie I und ziehen jeweils 500 Euro nach sich (Kapitel 5.3.1 ADR, GGVSEB § 19 (2)). In der Gefahrgutverordnung werden mehrere Beteiligte an der Beförderung mit Pflichten zur Kennzeichnung benannt.

Daniela Schulte-Brader


Vorschriften für Gefahrzettel

Farbe, Symbole und allgemeine Form sind als Anforderungen an Gefahrzettel in den Gefahrgutvorschriften aller Verkehrsträger beschrieben. Die Mindestmaße liegen bei 100 mal 100 Millimetern, bei kleinen Verpackungsgrößen ist eine proportionale Reduzierung erlaubt. Der Abstand der Innen-linie ist vorgegeben (etwa fünf Millimeter), Symbole, Text und Ziffern müssen gut lesbar und unauslöschbar sein. Die Gefahrzettel müssen der Witterung ohne nennenswerte Beeinträchtigung ihrer Wirkung standhalten können.

Zusatz im Seeverkehr im IMDG-Code „Das Anbringen der Gefahrzettel auf Versandstücken mit gefährlichen Gütern oder die Bezettelung dieser Versandstücke mittels Schablonen muss durch geeignete Methoden erfolgen, so­dass die Gefahrzettel auf den Versandstücken noch erkennbar sind, wenn diese sich mindestens drei Monate im Seewasser befunden haben. Bei der Auswahl geeigneter Bezettelungsmethoden müssen die Haltbarkeit des verwendeten Verpackungsmaterials und die Oberfläche des Versandstücks berücksichtigt werden.“

Zusatz im Luftverkehr In Abschnitt 7 der IATA-DGR werden den Farben für die Gefahrzettel Nummern aus dem international verwendeten Pantone-Farbsystem zugeordnet. An diese sollen sich die Hersteller von Gefahrgut-Etiketten ungefähr halten. Für bestimmte Gefahrgüter sind weitere Abfertigungszeichen vorgeschrieben. Einige Länder und Airlines fordern in der unteren Hälfte des Gefahrzettels einen Text, der auf die Art der Gefahr hinweist. Alle anderen Verkehrsträger akzeptieren die Texte.

Daniela Schulte-Brader

Gefahrzettel Muster 1200

5.2.2.2 ADR/RID/ADN/IMDG-Code:
* In der unteren Ecke muss die Nummer der Klasse stehen.
** In der unteren Hälfte müssen (sofern vorgeschrieben) oder dürfen (sofern nicht verbindlich vorgeschrieben) zusätzlicher Text bzw. zusätzliche Nummern/Buchstaben/Symbole angegeben werden.
*** In der oberen Hälfte muss – mit Ausnahmen – das Symbol der Klasse angegeben sein.

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